Hedonistische Tretmühle: Warum das nächste Ziel dich nicht glücklicher macht

Von Brickmans Lottogewinnern 1978 bis zur schwedischen Großstudie: Der Beitrag zeigt, wie hedonische Adaption jedes erreichte Ziel zum neuen Nullpunkt macht, was die Forschung seither korrigiert hat, woran du das Laufband bei dir erkennst und mit welchen vier Prinzipien du Ziele wählst, an die du dich nicht nach drei Wochen gewöhnst.

Läufer auf einem Laufband im Fitnessstudio aus niedriger Perspektive, Sinnbild für die hedonistische Tretmühle, auf der jedes erreichte Ziel zum neuen Nullpunkt wird

Die Beförderung kam im März. Im April hast du den neuen Titel zum ersten Mal in einer Mailsignatur gesehen und dich gefreut. Im Juni war er normal. Im September hast du dich dabei ertappt, wie du auf die nächste Stufe schielst, mit exakt demselben Gefühl von „dann bin ich angekommen“, das du im März für erledigt gehalten hattest. Wenn dir das bekannt vorkommt, hast du gerade die hedonistische Tretmühle beschrieben, und zwar aus der Innenperspektive, in der sie am besten funktioniert: Man merkt nicht, dass man auf der Stelle läuft, weil sich das Laufen wie Fortschritt anfühlt.

Warum die Lottogewinner von 1978 nicht glücklicher waren, und was die Forschung seither korrigiert hat

Der Begriff stammt von Philip Brickman und Donald Campbell, die 1971 vorschlugen, dass Menschen sich an fast jede Verbesserung ihrer Lebensumstände gewöhnen und danach zu einem individuellen Grundniveau an Zufriedenheit zurückkehren, wie ein Läufer auf dem Laufband, der sich anstrengt und den Ort nicht wechselt. Berühmt wurde die Idee 1978 durch eine Studie, die bis heute in jedem zweiten Vortrag über Glück zitiert wird: Brickman verglich 22 Lottogewinner mit Kontrollpersonen und 29 querschnittsgelähmten Unfallopfern. Die Gewinner waren nicht glücklicher als die Vergleichsgruppe und hatten an alltäglichen Freuden, dem Frühstück, einem Gespräch, einem Witz, sogar weniger Vergnügen. Die Unfallopfer waren unglücklicher, aber weit weniger, als alle erwartet hätten. Die Schlussfolgerung klang nach einem Naturgesetz: Es spielt langfristig keine Rolle, was dir passiert, du landest wieder auf deinem Niveau.

Der Mechanismus dahinter hat zwei Teile. Der erste ist Kontrast: Neben dem Gewinn wirken die kleinen Freuden blass. Der zweite ist Gewöhnung, in der Fachsprache hedonische Adaption: Das neue Auto, die größere Wohnung, der Titel in der Signatur werden nach wenigen Wochen zur Normalität, und Normalität erzeugt keine Freude, sie erzeugt Erwartung. Was gestern ein Ziel war, ist heute der Ausgangspunkt für das nächste. Deshalb bringen Gehaltssprünge so verlässlich das Gefühl, dass es „eigentlich noch etwas mehr sein müsste“, und deshalb kennen die meisten Menschen jemanden, der objektiv alles hat und subjektiv immer noch auf der Jagd ist. Häufig sind sie es selbst.

Ich erlebe die Tretmühle in Coachings fast wöchentlich, meist in einer Variante, die niemand als solche erkennt: Menschen, die ihre Unzufriedenheit für ein Zeichen halten, dass das nächste Ziel noch fehlt. Sie erhöhen die Geschwindigkeit, statt zu prüfen, ob sie auf einem Laufband stehen. Und weil das Laufen sich anstrengend anfühlt, verwechseln sie es mit Vorankommen.

Bevor du daraus die Lehre ziehst, dass ohnehin alles egal ist: Die reine Tretmühlen-Theorie ist in ihrer harten Form widerlegt. Ed Diener, Richard Lucas und Christie Scollon haben 2006 in einer viel zitierten Arbeit fünf Korrekturen am Modell vorgeschlagen, die sich seither durchgesetzt haben. Erstens liegt das Grundniveau der meisten Menschen nicht bei neutral, sondern im positiven Bereich. Zweitens haben Menschen verschiedene Grundniveaus, die stark vom Temperament abhängen. Drittens gibt es nicht ein Niveau, sondern mehrere: Lebenszufriedenheit, positive Gefühle und negative Gefühle können sich unabhängig voneinander bewegen. Viertens, und das ist die wichtigste Korrektur: Das Niveau kann sich dauerhaft verschieben, nach oben wie nach unten. Langzeitstudien zeigen, dass Menschen sich an manche Ereignisse nie vollständig gewöhnen, etwa an dauerhafte Arbeitslosigkeit oder an den Verlust des Partners, und dass umgekehrt manche Veränderungen bleiben. Fünftens unterscheiden sich Menschen deutlich darin, wie schnell und wie vollständig sie sich anpassen.

Auch die Lottogeschichte hat inzwischen eine Fortsetzung, und sie ist unbequemer für die Theorie als für dich. Erik Lindqvist, Robert Östling und David Cesarini haben Tausende schwedische Lottogewinner über viele Jahre nach dem Gewinn untersucht, mit vorab registriertem Studienplan und deutlich größerer Stichprobe als die 22 Personen von 1978. Ihr Ergebnis: Große Gewinne erhöhen die Lebenszufriedenheit dauerhaft, auch mehr als ein Jahrzehnt später. Das Wohlbefinden im Sinne von Stimmung und täglichen Gefühlen bewegt sich dagegen kaum. Geld verändert also, wie zufrieden du bist, wenn du über dein Leben nachdenkst, und ändert wenig daran, wie du dich am Dienstagnachmittag fühlst. Das ist keine Widerlegung der Tretmühle. Es ist ihre Präzisierung: Sie läuft auf der Ebene der Gefühle, nicht auf der Ebene der Bilanz.

Für dich heißt das zweierlei. Die Tretmühle ist real, aber sie ist kein Schicksal, und wer sie als Ausrede benutzt, warum er nichts an seiner Situation ändert, hat die Forschung falsch gelesen. Umgekehrt ist der Glaube, das nächste Ziel werde alles verändern, ebenfalls falsch gelesen: Es wird die Bilanz ein wenig verschieben und die Gefühle kaum. Wer beides weiß, kann klüger entscheiden, wofür er läuft.

Silhouette eines Managers, der aus dem Bürofenster eines Hochhauses auf die Skyline blickt, Sinnbild für das wandernde Ziel auf der hedonistischen Tretmühle

Woran du merkst, dass du auf dem hedonistischen Laufband stehst

Der Effekt ist von innen schwer zu erkennen, weil er sich als Ehrgeiz tarnt. Ein paar Beispiele, an denen du ihn dir selbst nachweisen kannst:

  • Das wandernde Ziel: Du hast in den letzten fünf Jahren mindestens drei „dann bin ich zufrieden“-Ziele erreicht und bist es nicht.
  • Die schrumpfende Freude: Ein Kauf, eine Beförderung, ein Umzug hat dich kürzer gefreut als der davor, und du hast daraus geschlossen, dass der nächste größer sein muss.
  • Die Vergleichsverschiebung: Du vergleichst dich nicht mehr mit denen, die du vor zehn Jahren beneidet hast, sondern mit denen, die heute knapp über dir stehen.
  • Die Rückkehr des Mangels: Das Gehalt, das du dir einmal als Traumgehalt vorgestellt hast, fühlt sich inzwischen knapp an, obwohl sich deine Bedürfnisse objektiv kaum verändert haben.
  • Der Abschluss ohne Ankunft: Große Ziele fühlen sich am Tag des Erreichens leer an, und du fängst noch am selben Abend an, das nächste zu planen.

Ein Unternehmer, mit dem ich gearbeitet habe, hatte innerhalb von acht Jahren Umsatz, Team und Privatvermögen jeweils vervielfacht und kam mit der Frage, warum er sich fühle wie am Anfang. Wir haben seine Ziele der letzten Jahre nebeneinandergelegt, mit dem jeweiligen Gefühl bei Erreichen. Das Muster war eindeutig: Jede Ankunft hatte etwa drei Wochen gehalten, dann war das Niveau wieder da. Was ihn wirklich beschäftigte, war nicht das nächste Ziel. Es war die Frage, ob er die letzten acht Jahre nur für drei Wochen Freude pro Ziel gelaufen war. Diese Frage ist unangenehm, aber sie ist der Anfang von etwas Besserem als der nächsten Zielvereinbarung mit sich selbst. Sehr oft verbirgt sich hinter der Tretmühle ein Anspruchsniveau, das mitwächst, und dann lohnt der Blick auf die Frage, ob zu hohe Ansprüche das eigentliche Laufband sind.

Übungen gegen die hedonische Adaption, die nicht nach Ratgeber klingen

Die Antwort auf die Tretmühle ist nicht, aufzuhören zu laufen. Sie ist, das Laufband zu verlassen und Wege zu wählen, auf denen Gewöhnung langsamer greift. Vier Prinzipien, die sich aus der Forschung ableiten lassen und die ich in der Praxis für belastbar halte:

  1. Erlebnisse vor Besitz. An Gegenstände gewöhnt man sich schnell, weil sie immer da sind. Erlebnisse vergehen, werden zu Geschichten und lassen sich nicht so leicht mit denen anderer vergleichen. Wer sein Budget von Dingen zu Erfahrungen verschiebt, kauft sich messbar langsamere Adaption.
  2. Unterbrechen, was gut ist. Gewöhnung braucht Kontinuität. Wer die Lieblingsserie nicht am Stück schaut, den guten Wein nicht täglich trinkt, den freien Freitag nicht zur Routine macht, hält die Freude daran künstlich frisch. Das klingt nach Verzicht und ist das Gegenteil: Es ist Dosierung.
  3. Variation statt Steigerung. Die Tretmühle bedient man mit „mehr vom Gleichen“. Ihr entkommt man mit „anders“. Ein neues Feld, ein neuer Mensch, ein Problem, das du noch nie gelöst hast, erzeugt Neuheit, und Neuheit ist der einzige Rohstoff, an den sich das Gehirn nicht gewöhnt.
  4. Das Ziel vor dem Erreichen prüfen. Frag dich vor dem nächsten Sprung ehrlich: Wie lange hat mich der letzte gefreut? Wenn die Antwort „drei Wochen“ ist, war es kein Ziel. Es war ein Adaptionsereignis. Dann lohnt es sich, das darunterliegende Motiv zu suchen, statt noch einen Tag draufzulegen.

Der vierte Punkt ist der wichtigste, und er ist auch der Grund, warum ich Menschen, die sich auf dem Laufband ertappen, nicht zuerst nach ihren Zielen frage, sondern nach ihren Antrieben. Wer weiß, was ihn wirklich bewegt, Anerkennung, Sicherheit, Einfluss, Sinn, Zugehörigkeit, kann Ziele wählen, die dieses Motiv tatsächlich bedienen, statt Ersatzziele, an die er sich nach drei Wochen gewöhnt hat. Das ist auch die Stelle, an der Satisficer im Vorteil sind: Wer „gut genug“ als Entscheidung kennt, hat ein natürliches Gegenmittel gegen das wandernde Ziel. Maximierer laufen schneller und kommen seltener an.

Gruppe von Freunden wandert im Abendlicht über einen Bergrücken, Sinnbild für Erlebnisse statt Besitz als Ausweg aus der hedonischen Adaption

Was die Glücksforschung wirklich zu Adaption sagt, und was Blödsinn ist

Ein Wort zu einer Zahl, die dir begegnen wird, sobald du dich mit dem Thema beschäftigst: die Behauptung, 50 Prozent des Glücks seien genetisch festgelegt, 10 Prozent Lebensumstände und 40 Prozent „in deiner Hand“. Sie stammt aus einer Arbeit von Sonja Lyubomirsky und Kollegen von 2005 und ist inzwischen ein Poster-Klassiker der Positiven Psychologie. Die Autorin selbst hat die Zahlen später als grobe Illustration relativiert, und die Forschung zur Erblichkeit von Wohlbefinden liefert je nach Methode Werte zwischen 30 und 50 Prozent, mit erheblichen Unsicherheiten. Die Tortengrafik ist also keine Messung. Sie ist eine Merkhilfe, und wer darauf ein Lebenskonzept baut, baut auf Sand. Was bleibt, ist die weniger griffige, aber belastbare Erkenntnis: Ein Teil deines Wohlbefindens ist Temperament, ein Teil ist Umstand, und ein Teil ist Verhalten, dessen Wirkung davon abhängt, ob es Gewöhnung umgeht oder füttert. Welche Verhaltensweisen dabei tatsächlich tragen, habe ich in einem eigenen Beitrag darüber, was glücklich macht, zusammengetragen; die Tretmühle ist der Grund, warum die meisten davon auf Wiederholung und Beziehung setzen statt auf Besitz.

Genau darin liegt die Arbeit, und sie ist weniger spektakulär als der nächste Karrieresprung. Sie besteht darin, die eigenen Antriebe zu kennen, die Gewöhnung zu dosieren und Ziele danach auszuwählen, ob sie ein Motiv bedienen oder nur eine Lücke im Lebenslauf. Wer die Tretmühle einmal von außen gesehen hat, kann sie weiter benutzen, wenn er will. Er muss nur wissen, dass er auf ihr steht. Wer die dahinterliegende Forschung gut lesbar und ohne Poster-Psychologie haben will, dem empfehle ich Glücklich sein von Sonja Lyubomirsky (Amazon Affiliate Link). Lyubomirsky beschreibt darin die Adaptionsforschung ehrlicher als viele, die sie zitieren, und liefert konkrete, geprüfte Strategien, um Gewöhnung zu verlangsamen. Die Tortengrafik kommt darin vor und sollte mit dem Vorbehalt von oben gelesen werden. Wer die Übungen trotzdem ernsthaft ausprobiert, wird merken, dass sie besser sind als die Zahl, mit der sie beworben werden.

Häufige Fragen zur hedonistischen Tretmühle

Ist die hedonistische Tretmühle wissenschaftlich belegt?

Der Kern, die Gewöhnung an Verbesserungen, ist gut belegt. Die harte Form, nach der alle Menschen auf ein festes, neutrales Niveau zurückfallen, gilt seit 2006 als widerlegt. Grundniveaus sind individuell, meist positiv und können sich dauerhaft verschieben.

Macht Geld nun glücklich oder nicht?

Große Geldgewinne erhöhen laut der schwedischen Lotteriestudie die Lebenszufriedenheit dauerhaft, verändern aber die alltägliche Stimmung kaum. Geld wirkt auf die Bilanz, nicht auf das Dienstagnachmittagsgefühl.

Wie schnell gewöhnt man sich an Verbesserungen?

Das hängt vom Ereignis ab. An Besitz und Status gewöhnen sich die meisten innerhalb von Wochen, an dauerhafte Verluste wie Arbeitslosigkeit oft gar nicht vollständig. Erlebnisse, Variation und Unterbrechungen verlangsamen die Anpassung messbar.

Wie unterscheidet sich die hedonische Adaption von Undankbarkeit?

Adaption ist ein automatischer Prozess der Wahrnehmung, Undankbarkeit eine Haltung. Man kann dankbar sein und sich trotzdem gewöhnen. Dankbarkeitsübungen wirken, weil sie Gewöhnung bewusst unterbrechen, nicht weil sie den Charakter verbessern.

Die hedonistische Tretmühle verlassen heißt: wissen, wofür du läufst

Das nächste Ziel wird dich nicht glücklicher machen. Es wird dich für einige Wochen zufriedener machen und dann zum neuen Nullpunkt werden, von dem aus das übernächste Ziel wieder wie die Lösung aussieht. Das ist keine Anklage gegen Ehrgeiz. Es ist eine Einladung, ihn klüger einzusetzen: auf Ziele, die ein echtes Motiv bedienen, auf Erlebnisse statt Anschaffungen, auf Variation statt Steigerung. Und auf die unbequeme Frage, was dich eigentlich antreibt, bevor du das nächste Laufband besteigst. Wenn du diese Frage ehrlich beantworten willst, ist mein Motivationstest ein guter Anfang: Er zeigt dir, welche Antriebe dich tatsächlich bewegen, und damit, welche Ziele sich lohnen und welche nur die Geschwindigkeit erhöhen. Die Tretmühle läuft weiter, ob du es merkst oder nicht. Der Unterschied liegt darin, ob du sie wählst. Und wer sie bewusst wählt, für ein Motiv, das ihm wirklich etwas bedeutet, läuft anders: nicht, um endlich anzukommen. Er läuft, weil das Laufen selbst der Punkt ist. Das ist die einzige Form von Ehrgeiz, an die man sich nicht gewöhnt. Alles andere ist Geschwindigkeit, und Geschwindigkeit war noch nie ein Ziel. Sie war immer nur das, was man erhöht, wenn man nicht weiß, wohin.