„Ich dachte, wenn ich das erreicht habe, bin ich angekommen.“ Der Mann, der das sagt, ist seit vier Monaten Geschäftsführer. Er hat acht Jahre auf diese Position hingearbeitet, und er hat sich die Freude, die er jetzt fühlen müsste, so oft vorgestellt, dass ihre Abwesenheit sich wie ein Betrug anfühlt. Zwei Wochen vorher saß eine Frau bei mir, die ein Jahr lang Angst vor einer Trennung hatte, die dann kam. Sie sagt, das Schlimmste sei gewesen, dass es nicht so schlimm war. Beide haben denselben Fehler gemacht, und er hat nichts mit ihrer Entscheidung zu tun. Er liegt in der Vorhersage. Die Psychologie nennt die Fähigkeit, vorherzusagen, wie wir uns in der Zukunft fühlen werden, Affective Forecasting, und die Forschung der letzten zwanzig Jahre lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wir sind darin erstaunlich schlecht, und zwar auf eine Art, die sich vorhersagen lässt. In diesem Beitrag zeige ich dir, warum du falsch vorhersagst, was dich glücklich macht, welche vier Fehlerquellen dahinterstecken, welchen Trick fast niemand nutzt und was das für die Entscheidungen bedeutet, die du gerade vor dir herschiebst.
Warum wir unsere Gefühle so schlecht vorhersagen
Daniel Gilbert und Timothy Wilson haben das Thema in den Neunzigerjahren zu ihrem Forschungsprogramm gemacht, und ihre erste große Studienreihe von 1998 begann mit einer Gruppe, die Vorhersagen beruflich ernst nimmt: Assistenzprofessoren, die auf ihre Entscheidung über eine Lebenszeitstelle warteten. Gefragt, wie glücklich sie in einigen Jahren sein würden, falls sie die Stelle bekämen oder nicht, sagten sie einen tiefen Unterschied voraus. Dann befragten Gilbert und Wilson ehemalige Assistenzprofessoren, bei denen die Entscheidung Jahre zurücklag. Die, die abgelehnt worden waren, waren ungefähr so zufrieden wie die, die die Stelle bekommen hatten. Der Unterschied, den die Wartenden vorhersagten, existierte in der Rückschau nicht. Dasselbe Muster fanden die Forscher bei Wahlen, bei Trennungen und bei Prüfungsergebnissen: Menschen sagen die Richtung ihres Gefühls meist richtig voraus. Sie überschätzen systematisch, wie stark es sein wird und wie lange es anhält.
Der Befund war nicht neu, nur präziser. Schon 1978 hatten Philip Brickman und Kollegen Lottogewinner und Unfallopfer befragt und gefunden, dass die Gewinner nach einiger Zeit kaum glücklicher waren als eine Vergleichsgruppe und die Unfallopfer deutlich weniger unglücklich, als jeder erwartet hätte. Wilson und Gilbert haben aus solchen Ergebnissen einen Begriff gemacht, der die Sache auf den Punkt bringt: den Impact Bias, die Neigung, die Wucht künftiger Ereignisse zu überschätzen. Der neue Geschäftsführer hat sich acht Jahre lang ein Gefühl vorgestellt, das in dieser Größe nie vorgesehen war. Die Frau hat ein Jahr lang einen Schmerz gefürchtet, der in dieser Größe nie kam. Beide haben nicht falsch gefühlt. Sie haben falsch vorhergesagt.
Das ist mehr als eine Kuriosität, denn fast jede große Entscheidung ist eine Vorhersage über Gefühle. Du nimmst den Job, weil du glaubst, dass er dich erfüllen wird. Du bleibst in der Beziehung, weil du glaubst, dass die Trennung dich zerstören würde. Du ziehst nicht um, weil du glaubst, dass du die Stadt vermissen wirst. Wenn diese Vorhersagen systematisch verzerrt sind, dann sind es deine Entscheidungen auch, und zwar in eine bestimmte Richtung: Du überschätzt, was ein Gewinn dir bringt, und du überschätzt, was ein Verlust dich kostet. Im Beitrag über Verlustaversion habe ich beschrieben, warum die zweite Verzerrung meist stärker ist als die erste.
Vier Fehlerquellen, die deine Vorhersage verzerren
Die Forschung hat den Impact Bias in seine Bestandteile zerlegt, und jeder davon lässt sich im Alltag wiedererkennen.
- Fokalismus: Du siehst nur das Ereignis. Wenn du dir vorstellst, wie es sein wird, Geschäftsführer zu sein, stellst du dir die Ernennung vor, das Büro, den Titel. Du stellst dir nicht die Dienstage vor, an denen du dieselben Mails beantwortest wie vorher, das Kind, das Fieber hat, den Stau. Wilson, Wheatley und Gilbert haben das 2000 bei Football-Fans gezeigt: Sie überschätzten, wie lange ein Sieg oder eine Niederlage ihre Stimmung prägen würde, und die Überschätzung verschwand, sobald sie vorher aufschreiben mussten, was sie in den Tagen nach dem Spiel sonst noch tun würden. Das Ereignis ist im Kopf allein. Im Leben hat es Nachbarn.
- Immune Neglect: Du vergisst dein psychologisches Immunsystem. Gilbert nennt so die Gesamtheit der Mechanismen, mit denen wir uns nach schlechten Ereignissen erholen, umdeuten, relativieren, weitermachen. Dieses System arbeitet zuverlässig, und wir wissen nicht, dass wir es haben. Deshalb sagen wir voraus, wie schlimm die Trennung sein wird, ohne einzurechnen, dass wir sie zwei Wochen später bereits anders erzählen werden. Paul Eastwick und Kollegen haben Studierende in Beziehungen vorhersagen lassen, wie verzweifelt sie nach einer Trennung sein würden, und die Vorhersagen dann mit dem Erleben derer verglichen, die tatsächlich verlassen wurden. Die Vorhersage lag deutlich über der Wirklichkeit, und am weitesten daneben lagen die, die am meisten verliebt waren.
- Gewöhnung: Du rechnest nicht mit dem Danach. Das neue Büro ist nach drei Wochen ein Büro. Das höhere Gehalt ist nach drei Monaten das Gehalt. Die hedonistische Tretmühle sorgt dafür, dass Zustände verblassen, während Vorhersagen so tun, als würde der erste Tag ewig dauern.
- Der Zustand von heute färbt die Vorhersage von morgen. Wer hungrig einkauft, kauft zu viel. Wer erschöpft über eine Kündigung nachdenkt, stellt sich ein Leben vor, in dem man nie wieder erschöpft ist. Vorhersagen entstehen im Jetzt und tragen die Farbe des Jetzt, ohne dass wir es merken.

Der Trick, den fast niemand nutzt
Wenn die eigene Vorstellungskraft so unzuverlässig ist, gibt es eine bessere Quelle: Menschen, die schon dort sind, wo du hinwillst. Gilbert und seine Kollegen haben das 2009 in einem Experiment in Science getestet. Frauen sollten vorhersagen, wie sehr ihnen ein kurzes Date mit einem Mann gefallen würde. Die eine Gruppe bekam sein Profil mit Foto und Angaben. Die andere Gruppe bekam nur eine Zahl: wie sehr das Date einer anderen Frau mit demselben Mann gefallen hatte. Die Gruppe mit der Zahl sagte ihr eigenes Erleben deutlich genauer voraus als die Gruppe mit dem Profil. Und dann kommt der Teil, der das Ganze zu einem Beitrag über Entscheidungen macht: Vorher gefragt, welche Information sie lieber hätten, wählte die große Mehrheit das Profil. Wir vertrauen unserer Vorstellung mehr als der Erfahrung anderer, obwohl die Erfahrung anderer besser vorhersagt, was wir fühlen werden.
Der Grund ist ein Glaube, den fast jeder hat: Ich bin anders. Meine Situation ist besonders, mein Geschmack ist speziell, was für andere gilt, gilt nicht für mich. Gilbert und Wilson führen die Vorliebe für die eigene Vorstellung auf genau diese Überzeugung zurück, und sie ist teuer. In Wirklichkeit sind die Gefühle, die ein Ereignis auslöst, zwischen Menschen weit ähnlicher, als unsere Vorstellungskraft behauptet. Der neue Geschäftsführer hätte vor acht Jahren drei Geschäftsführer fragen können, wie sich der vierte Monat anfühlt. Er hat es nicht getan, weil er sicher war, dass es sich bei ihm anders anfühlen würde. Wer vor einer Entscheidung steht und sein künftiges Gefühl kennen will, hat also ein Werkzeug, das besser ist als jede Vorstellung: einen Menschen, der die Entscheidung bereits getroffen hat, und die Frage, wie sich ein gewöhnlicher Dienstag seither anfühlt. Nicht der erste Tag. Der hundertste.
Was das für deine Entscheidungen bedeutet
Aus dieser Forschung folgt nicht, dass Gefühle bei Entscheidungen nichts zählen. Sie zählen, nur nicht in der Form, in der wir sie üblicherweise heranziehen. Vier Regeln haben sich in meiner Arbeit mit Menschen bewährt, die vor einem Jobwechsel, einer Trennung oder einem Umzug stehen, und sie gelten für Satisficer wie Maximizer.
- Vertrau der Richtung, nicht der Wucht. Dass dir die neue Aufgabe gefallen wird, sagst du vermutlich richtig voraus. Dass sie dich erfüllen wird, ist der Impact Bias. Triff die Entscheidung auf der Grundlage der Richtung und erwarte von ihr weniger, als deine Vorstellung verspricht. Das schützt dich vor der Enttäuschung im vierten Monat, und es schützt dich davor, aus Angst vor einem Verlust zu bleiben, der dich weniger kosten wird, als du glaubst.
- Frag drei Menschen, die dort sind. Nicht nach ihrer Meinung zu deiner Entscheidung, sondern nach ihrem Gefühl an einem normalen Tag. Ihre Antworten sagen dein Erleben besser voraus als deine Vorstellung, und die Wahrscheinlichkeit, dass du die Ausnahme bist, ist geringer, als es sich anfühlt.
- Stell dir den Dienstag vor, nicht den ersten Tag. Wilsons Fußballfans haben ihre Verzerrung verloren, sobald sie den Alltag rund um das Ereignis aufschrieben. Tu dasselbe: Wie sieht ein gewöhnlicher Dienstag drei Monate nach der Entscheidung aus, von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends? Wenn dieser Dienstag gut ist, ist die Entscheidung gut, egal wie der erste Tag war.
- Entscheide über Werte, nicht über Prognosen. Weil deine Prognose unzuverlässig ist, brauchst du ein zweites Kriterium: Welche Entscheidung passt zu dem Menschen, der du sein willst, unabhängig davon, wie sie sich in Woche eins anfühlt? Wie du zu diesem Kriterium kommst, habe ich im Beitrag über Entscheidungskompetenz beschrieben.
Für Führungskräfte hat die Sache eine zweite Seite. Wer Menschen führt, sagt ständig Gefühle anderer voraus: wie das Team auf die Umstrukturierung reagiert, wie der Kollege die Kritik aufnimmt, wie die Kündigung ankommt. Dieselben Verzerrungen gelten dort, mit derselben Folge: Führungskräfte überschätzen, wie sehr eine schlechte Nachricht die Mitarbeiter trifft, und schieben sie deshalb auf, was den Schaden vergrößert, den sie vermeiden wollten. Und sie überschätzen, wie sehr eine Gehaltserhöhung motiviert, und wundern sich im vierten Monat.

Häufige Fragen zum Affective Forecasting
Was bedeutet Affective Forecasting?
Die Vorhersage der eigenen künftigen Gefühle: wie glücklich, traurig, erleichtert oder enttäuscht du nach einem Ereignis sein wirst und wie lange. Der Begriff stammt von Daniel Gilbert und Timothy Wilson, die gezeigt haben, dass Menschen die Richtung ihrer Gefühle meist richtig, deren Stärke und Dauer aber systematisch falsch einschätzen.
Was ist der Impact Bias?
Die Neigung, die emotionale Wucht künftiger Ereignisse zu überschätzen, im Guten wie im Schlechten. Lottogewinner sind weniger glücklich und Verlassene weniger verzweifelt, als sie selbst vorhergesagt hätten. Der Impact Bias ist der zuverlässigste Befund der Forschung zum Affective Forecasting.
Heißt das, dass Entscheidungen egal sind, weil ich mich sowieso gewöhne?
Nein. Die Richtung deiner Vorhersage stimmt meistens, und manche Zustände, etwa chronische Konflikte oder Lärm, gewöhnt man sich nicht ab. Der Befund sagt nicht, dass Entscheidungen keine Folgen haben. Er sagt, dass die Folgen kleiner und kürzer sind, als deine Vorstellung behauptet, und dass du deshalb mutiger entscheiden darfst, als es sich anfühlt.
Wie kann ich meine Vorhersagen verbessern?
Frag Menschen, die die Entscheidung schon getroffen haben, nach ihrem Alltag statt nach ihrer Meinung. Stell dir einen gewöhnlichen Tag nach der Entscheidung vor, nicht das Ereignis selbst. Und triff die Entscheidung nicht in einem Zustand, dessen Farbe du mit in die Zukunft nimmst, also nicht erschöpft, nicht wütend, nicht verliebt.
Affective Forecasting erklärt, warum das erreichte Ziel sich anders anfühlt als das erträumte
Zum Weiterlesen: Ins Glück stolpern von Daniel Gilbert (Amazon Affiliate Link) ist die Zusammenfassung dieser Forschung von einem ihrer Begründer, und es ist eines der wenigen Psychologiebücher, bei denen man laut lacht. Gilbert schreibt über Vorstellungskraft, Gedächtnis und Gewöhnung mit einer Leichtigkeit, die den Ernst der Befunde nicht versteckt. Wer eine Anleitung sucht, wird enttäuscht: Das Buch erklärt, warum wir uns irren, und überlässt es dem Leser, was er damit macht. Wer die Erklärung will, findet keine bessere.
Der Geschäftsführer hat inzwischen verstanden, dass ihm nichts fehlt, außer einem Gefühl, das es in dieser Größe nie gab. Er führt heute gern, an gewöhnlichen Dienstagen, und er hat aufgehört, auf den Tag zu warten, an dem es sich anfühlt wie in der Vorstellung. Die Frau, deren Trennung nicht so schlimm war, hat aus dem Jahr davor etwas gelernt, das sie bei ihrer nächsten Entscheidung nutzt: dass ihre Angst eine schlechte Prognostikerin ist. Wenn du gerade vor einem Wechsel stehst, beruflich oder unternehmerisch, und merkst, dass deine Vorstellung des Danach dich lähmt oder blendet, ist das ein klassischer Fall für das Business Coaching: eine Entscheidung, die auf besseren Vorhersagen beruht als auf den eigenen. Das Ziel wird sich anders anfühlen als erträumt, und das ist kein Grund, es nicht zu erreichen.


