Sie will am Sonntag reden, über die Woche, über uns, über das, was sie gestört hat. Er will am Sonntag seine Ruhe, und je näher sie rückt, desto mehr sehnt er sich nach einer Radtour allein. Sie spürt den Rückzug und rückt näher, mit Fragen, mit Vorwürfen, mit Tränen. Er spürt den Druck und geht, erst ins Arbeitszimmer, dann in den Keller, dann innerlich ganz. Beide lieben sich. Beide sind überzeugt, der andere sei das Problem. Und beide haben recht, was den Kern des Nähe-Distanz-Problems ausmacht: Es ist keine Frage von Schuld. Es ist ein Muster, in dem jeder genau das tut, was den anderen in seine Richtung treibt.
Warum Klammern und Flüchten sich gegenseitig erzeugen
Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschrieb 1961 in seinem Buch über die Grundformen der Angst zwei Grundängste, die jeder Mensch in unterschiedlicher Dosierung kennt: die Angst vor Selbstverlust in der Nähe und die Angst vor Verlassenheit in der Distanz. Friedemann Schulz von Thun und Christoph Thomann machten daraus später das Riemann-Thomann-Modell, in dem Nähe und Distanz die eine Achse bilden und Dauer und Wechsel die andere. Die meisten Menschen haben eine Heimat auf dieser Achse. Der Nähe-Mensch fühlt sich lebendig, wenn er verbunden ist, und bedroht, wenn der andere sich entfernt. Der Distanz-Mensch fühlt sich lebendig, wenn er frei ist, und bedroht, wenn der andere zu nah kommt.
Das Fatale: Diese beiden ziehen sich an. Der Nähe-Mensch bewundert die Unabhängigkeit des anderen, der Distanz-Mensch genießt die Wärme, die er selbst schwer herstellen kann. In der Verliebtheit passt das, weil beide sich vorübergehend in Richtung des anderen bewegen. Sobald der Alltag beginnt, kehrt jeder in seine Heimat zurück, und aus der Anziehung wird ein Tauziehen. Die Paarforschung hat dieses Tauziehen genau vermessen. Andrew Christensen und Christopher Heavey zeigten 1990 in einer Studie zum Fordern-Rückzug-Muster, dass in Konflikten typischerweise ein Partner drängt und der andere sich entzieht, und dass die Rollen davon abhängen, wer die Veränderung will: Wer etwas ändern möchte, fordert; wer den Status quo behalten will, zieht sich zurück.
Der Mechanismus ist eine Schleife. Sie rückt näher, weil sie Distanz spürt. Er entfernt sich, weil er Druck spürt. Ihr Näherrücken ist für ihn der Beweis, dass er Abstand braucht. Sein Entfernen ist für sie der Beweis, dass sie um ihn kämpfen muss. Beide reagieren auf ein Verhalten, das sie selbst ausgelöst haben, und beide erleben sich als Reagierende, nie als Auslöser. Man kann diese Schleife jahrelang drehen, ohne sie zu bemerken, weil sie sich von innen wie eine Reihe einzelner Streits anfühlt. Von außen ist es immer derselbe.
Die Bindungsforschung erklärt, warum die Rollen so stabil sind
Riemann beschrieb das Muster als Persönlichkeitsdimension, die Bindungsforschung liefert die Herkunft. Cindy Hazan und Phillip Shaver übertrugen 1987 die Bindungstheorie auf erwachsene Liebesbeziehungen und fanden dieselben drei Muster wie bei Kleinkindern: sicher, ängstlich und vermeidend. Der ängstlich gebundene Erwachsene hat gelernt, dass Nähe unzuverlässig ist und man sie sich erkämpfen muss. Sein Alarmsystem springt bei kleinsten Anzeichen von Distanz an: eine kurze Antwort, ein verschobener Abend, ein Blick aufs Handy. Der vermeidend gebundene Erwachsene hat gelernt, dass Nähe enttäuscht oder erdrückt und man sich am besten selbst genügt. Sein Alarmsystem springt bei Anzeichen von Nähe an: ein Gespräch über Gefühle, ein Wochenende zu zweit, die Frage nach der Zukunft.
Setzt man diese beiden zusammen, entsteht das, was in der englischsprachigen Literatur die Anxious-Avoidant-Falle heißt: Der Ängstliche aktiviert seine Strategien, Nachfragen, Kontrollieren, Protestverhalten, und diese Strategien sind exakt das, was den Vermeidenden in seine Deaktivierungsstrategien treibt, Rückzug, Abwertung, Beschäftigung mit anderem. Wer sich in meinem Beitrag über die Bindungsstile im Erwachsenenalter wiedererkannt hat, findet hier die Erklärung, warum die eigene Beziehung trotz aller Liebe immer wieder an derselben Stelle hakt: Zwei Alarmsysteme, die sich gegenseitig auslösen.
Ich erlebe in Coachings regelmäßig, dass Paare in diesem Muster einander die Diagnose stellen. Sie sagt, er sei bindungsunfähig. Er sagt, sie sei anhänglich. Beides ist ein bisschen wahr und vor allem nutzlos, weil es die Schleife zur Eigenschaft des anderen erklärt. Das Nähe-Distanz-Problem ist aber keine Eigenschaft. Es ist ein System aus zwei Menschen, und ein System ändert sich, sobald einer der beiden etwas anderes tut als sonst.

Woran du erkennst, dass du im Nähe-Distanz-Problem steckst und welche Seite du spielst
Die meisten Menschen halten sich für die vernünftige Seite. Der Nähe-Suchende hält sein Bedürfnis für normal und den Rückzug des anderen für kalt. Der Distanz-Suchende hält sein Bedürfnis für normal und das Drängen des anderen für übergriffig. Ein paar Fragen helfen, die eigene Rolle ehrlicher zu sehen.
1) Was tust du, wenn der andere sich zurückzieht? Wenn deine Antwort lautet: nachfragen, schreiben, nachhaken, Gespräche einfordern, Vorwürfe machen oder weinen, spielst du die Nähe-Seite. Das ist keine Schwäche, aber es ist Protestverhalten, und es erzeugt beim anderen den Druck, vor dem er flieht.
2) Was tust du, wenn der andere näher kommt? Wenn deine Antwort lautet: Arbeit vorschieben, das Thema wechseln, ironisch werden, den anderen innerlich abwerten, dich nach Alleinsein sehnen, spielst du die Distanz-Seite. Auch das ist keine Kälte, sondern Selbstschutz, und er erzeugt beim anderen die Verlassenheit, vor der er sich fürchtet.
3) Wer bringt in eurer Beziehung Themen auf, und wer beendet Gespräche? In fast jedem Nähe-Distanz-Paar ist das eindeutig verteilt, und die Verteilung ändert sich nicht, egal, worum es geht.
4) Wie geht es dir, wenn ihr euch nach einem Streit versöhnt habt? Der Nähe-Mensch fühlt sich erleichtert und will die Nähe halten. Der Distanz-Mensch fühlt sich erleichtert und braucht danach erst einmal Abstand. Genau an dieser Stelle beginnt oft schon die nächste Runde.
5) Und die unbequemste Frage: Was bekommst du aus deiner Rolle? Der Nähe-Suchende bekommt die Gewissheit, dass er der Liebende ist, der sich bemüht. Der Distanz-Suchende bekommt die Gewissheit, dass er der Freie ist, der sich nicht einengen lässt. Beide Gewissheiten sind angenehm. Beide halten das Muster am Leben.
Wie ein Paar aus der Schleife aussteigt, ohne dass einer sich verbiegt
Die Lösung ist nicht, dass der Distanz-Mensch endlich mehr Nähe gibt oder der Nähe-Mensch endlich lockerlässt. Das haben beide schon versucht, und es hat nicht funktioniert, weil es sich für beide wie Selbstaufgabe angefühlt hat. Die Lösung ist, dass jeder an seiner eigenen Reaktion arbeitet, nicht am Bedürfnis des anderen.
Für die Nähe-Seite heißt das: Das Alarmsignal wahrnehmen, ohne ihm sofort zu folgen. Wenn er sich zurückzieht, ist der Impuls, hinterherzugehen. Die Übung besteht darin, den Impuls zu bemerken, ihn zu benennen und stattdessen etwas Eigenes zu tun. „Ich merke, dass ich gerade nachhaken will. Ich gehe erst mal laufen.“ Das ist kein Rückzug aus Trotz. Es ist der Beweis, an dich selbst, dass du die Distanz des anderen überlebst. Und es gibt dem anderen zum ersten Mal die Erfahrung, dass Nähe wiederkommt, ohne dass er sie erzwingen muss. Wer sich damit schwertut, findet in meinem Beitrag über Verlustangst die Arbeit an der Wurzel.
Für die Distanz-Seite heißt das: Nähe in Dosen geben, bevor sie eingefordert wird. Der Vermeidende erlebt Nähe als Forderung, weil sie meist erst kommt, wenn der andere schon verzweifelt ist. Wer von sich aus einen Abend vorschlägt, eine Nachricht schickt, ein Gespräch anfängt, erlebt Nähe zum ersten Mal als eigene Entscheidung. Und er merkt, dass der Druck nachlässt, sobald der andere nicht mehr kämpfen muss. Wer Bindungsangst bei sich kennt, weiß, wie viel Überwindung dieser erste Schritt kostet, und wie überraschend wenig danach passiert.
Für beide gilt eine Vereinbarung, die ich in fast jedem Nähe-Distanz-Coaching treffen lasse: Abstand wird angekündigt, Nähe wird verabredet. „Ich brauche heute Abend Zeit für mich, morgen bin ich wieder da“ nimmt dem Rückzug die Bedrohung. „Sonntag ist unser Tag, ohne Handy“ nimmt dem Nähebedürfnis das Fordernde, weil es nicht mehr erkämpft werden muss. Das klingt technisch, und es ist der Anfang von etwas, das beide seit Jahren vermissen: sich auf den anderen einlassen zu können, ohne sich zu verlieren.
Wer die beiden Rollen mit konkreten Beispielen aus deutschen Wohnzimmern verstehen will, findet sie in Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen von Stefanie Stahl (Amazon Affiliate Link). Stefanie Stahl beschreibt darin den aktiven und den passiven Bindungsängstlichen, also genau die beiden Seiten des Nähe-Distanz-Problems, so treffend, dass man nach der Lektüre weiß, welche Rolle man spielt und was man beim nächsten Mal anders sagen kann.

Häufige Fragen zum Nähe-Distanz-Problem
Kann eine Beziehung mit Nähe-Distanz-Problem funktionieren?
Ja, wenn beide das Muster erkennen und an der eigenen Reaktion arbeiten. Sicher gebundene Menschen sind übrigens nicht die, die weder Nähe noch Distanz brauchen. Es sind die, die beides aushalten. Ein Paar, das lernt, Abstand anzukündigen und Nähe zu verabreden, kann dahin kommen, auch wenn beide mit sehr unterschiedlichen Grundängsten gestartet sind.
Ist das Nähe-Distanz-Problem dasselbe wie Bindungsangst?
Nein. Bindungsangst beschreibt die Distanz-Seite allein, Verlustangst die Nähe-Seite allein. Das Nähe-Distanz-Problem ist das, was passiert, wenn beide aufeinandertreffen: eine Schleife, in der jeder das Verhalten des anderen auslöst. Deshalb hilft es wenig, nur einen Partner als den mit dem Problem zu sehen.
Warum ziehen sich Menschen mit Nähe- und Distanzbedürfnis gegenseitig an?
Weil jeder im anderen das findet, was ihm selbst schwerfällt: der Nähe-Mensch die Unabhängigkeit, der Distanz-Mensch die Wärme. In der Verliebtheit bewegen sich beide aufeinander zu. Sobald der Alltag beginnt, kehren beide in ihre Heimat zurück, und die Ergänzung wird zum Konflikt. Die Anziehung ist echt, das Muster auch.
Was tun, wenn der Partner sich immer zurückzieht?
Aufhören, hinterherzugehen. Das ist das Schwerste und das Wirksamste. Rückzug wird durch Drängen verstärkt, nicht abgebaut. Benenne einmal ruhig, was du brauchst, und lass dem anderen dann den Raum, von sich aus zu kommen. Wenn er es über Wochen nicht tut, ist das eine wichtige Information, aber die bekommst du nur, wenn du aufhörst, ihn zu holen.
Das Nähe-Distanz-Problem lösen heißt: die eigene Hälfte der Schleife sehen
Klammern und Flüchten sind keine Charakterfehler, sie sind zwei Antworten auf zwei alte Ängste, und sie passen so tragisch gut zusammen, dass Paare jahrelang glauben, sie hätten hundert verschiedene Probleme, wo sie ein einziges haben. Der Ausstieg beginnt nicht beim anderen. Er beginnt in dem Moment, in dem du dein eigenes Alarmsignal erkennst und ihm nicht sofort folgst: nicht nachhaken, wenn du nachhaken willst, nicht ausweichen, wenn du ausweichen willst. Das ist unbequem, weil es sich anfühlt, als würdest du gegen deine Natur handeln. Du handelst gegen deine Angst, und das ist ein Unterschied, den du nach den ersten Malen körperlich spürst: Die Welt geht nicht unter, wenn du nicht hinterhergehst, und sie geht auch nicht unter, wenn du bleibst. Wenn ihr als Paar merkt, dass ihr die Schleife allein nicht unterbrochen bekommt, weil jeder Versuch wieder in dieselben Rollen kippt, ist mein Life Coaching der Ort, an dem wir das Muster auseinandernehmen: welche Grundangst dich steuert, welche Reaktion du automatisch abrufst und welcher andere Satz an dieser Stelle die Schleife öffnet. Nähe und Distanz sind kein Gegensatz. Sie sind zwei Seiten derselben Fähigkeit, und die meisten Paare, die ich kenne, haben sie nicht verloren. Sie haben nur vergessen, dass man sie abwechselnd braucht.



