In jedem Team gibt es diese eine Person, die nie widerspricht. Immer freundlich, immer flexibel, übernimmt bereitwillig, was liegen bleibt, sagt selten Nein. Lange gilt sie als die angenehmste Kollegin im Raum. Bis der erste echte Konflikt kommt, eine Entscheidung, die niemandem passt, ein Projekt, das schiefläuft, und plötzlich merkt das Team: Diese Person hat nie gesagt, was sie wirklich dachte. Ihre Zustimmung war keine Übereinstimmung, sondern Vermeidung. Was wie Beziehungskompetenz aussah, war in Wahrheit das genaue Gegenteil.
Ich erlebe diese Verwechslung in der Coaching-Praxis ständig. Klientinnen und Klienten beschreiben sich selbst als harmoniebedürftig und meinen damit fast entschuldigend, sie seien eben zu nett für Konflikte. Dabei ist Harmoniebedürfnis kein Charakterzug, der Beziehungsfähigkeit ersetzt. Es ist häufig ihr Gegenteil, sorgfältig getarnt als Rücksichtnahme.
Warum Harmoniebedürfnis und Konfliktfähigkeit oft verwechselt werden
Die Psychologen Ralph Kilmann und Kenneth Thomas haben in den 1970er-Jahren ein Modell entwickelt, das bis heute zu den am häufigsten genutzten Rahmenwerken der Konfliktforschung zählt. Es beschreibt fünf Arten, wie Menschen mit Konflikten umgehen, entlang zweier Dimensionen: Durchsetzungsfähigkeit, also wie stark jemand die eigenen Anliegen vertritt, und Kooperationsbereitschaft, also wie stark jemand die Anliegen der anderen Seite berücksichtigt. Aus der Kombination ergeben sich fünf Modi: Konkurrieren, Vermeiden, Nachgeben, Kompromiss suchen und Kollaborieren.
Das Entscheidende an diesem Modell: Vermeiden und Nachgeben liegen beide auf der niedrigen Seite der Durchsetzungsfähigkeit. Wer Konflikten ausweicht oder sich fügt, um die Stimmung zu retten, vertritt die eigenen Anliegen kaum, ganz gleich wie kooperativ das nach außen wirkt. Echte Konfliktfähigkeit, im Modell als Kollaborieren bezeichnet, verlangt dagegen beides gleichzeitig: hohe Durchsetzungsfähigkeit und hohe Kooperationsbereitschaft. Man vertritt die eigene Position klar und bleibt gleichzeitig an der Position des Gegenübers interessiert. Harmoniebedürfnis dagegen opfert die eigene Position zugunsten der Ruhe, das ist strukturell etwas völlig anderes als Beziehungskompetenz.
Der Preis, den harmoniesüchtige Beziehungen zahlen
Dass diese Vermeidung nicht folgenlos bleibt, zeigt eine Tagebuchstudie der Psychologin Emily Impett, die über mehrere Wochen untersuchte, wie Paare mit alltäglichen Kompromissen und Rücksichtnahmen umgingen. Wer dabei eigene Emotionen unterdrückte, statt sie auszudrücken, berichtete an diesen Tagen von geringerer emotionaler Zufriedenheit, und auch der jeweilige Partner oder die Partnerin bewertete die Beziehungsqualität an diesen Tagen schlechter. Die Unterdrückung war also kein rein persönliches Opfer, ihre Kosten trugen beide Seiten der Beziehung.
Das erklärt, warum vermeintlich harmonische Teams und Partnerschaften oft brüchiger sind, als sie wirken. Die Ruhe an der Oberfläche wird erkauft durch unterdrückte Bedürfnisse, die sich nicht auflösen, sondern anhäufen, bis sie sich in einem unverhältnismäßig heftigen Konflikt oder in stiller Distanzierung entladen. Wer sich in Grenzen setzen und Nein sagen wiedererkennt, findet dort vertiefende Ansatzpunkte, warum genau dieses Muster so schwer zu durchbrechen ist.
Konfliktfähig sein heißt nicht streitlustig sein
Die Verwechslung läuft aber auch in die andere Richtung. Manche Menschen hören „Konfliktfähigkeit trainieren" und stellen sich vor, künftig öfter Recht behalten zu müssen. Das trifft den Kern nicht. Im Kilmann-Thomas-Modell ist Konkurrieren, hohe Durchsetzung bei niedriger Kooperation, ein ebenso einseitiger Modus wie das Vermeiden, nur mit vertauschten Vorzeichen. Wer im Konflikt vor allem gewinnen will, hört den Anliegen der anderen Seite genauso wenig zu wie jemand, der dem Konflikt komplett ausweicht.
Konfliktfähigkeit im eigentlichen Sinn verlangt eine unbequemere Balance: die eigene Position benennen und gleichzeitig ernsthaft neugierig bleiben, was die andere Seite eigentlich braucht. Das ist anstrengender als beides Extreme, weil es sich nicht auf eine einfache Reaktion zurückziehen lässt, aber es ist die einzige Variante, die tragfähige Beziehungen und gute Entscheidungen gleichzeitig ermöglicht. Wie sich diese Grundhaltung im konkreten Gespräch anwenden lässt, davon handelt mein Beitrag zum Konfliktmanagement, dort geht es um die praktischen Techniken der Konfliktlösung selbst.
Drei Ansatzpunkte, um Konfliktfähigkeit gezielt zu trainieren
1) Die eigene Position benennen, bevor du reagierst. Wer sofort auf Beschwichtigung schaltet, überspringt den Schritt, überhaupt zu prüfen, was die eigene Position ist. Frage dich vor jedem unangenehmen Gespräch aktiv: Was will ich hier eigentlich, unabhängig davon, was leichter wäre zu sagen? Diese Sekunde Innehalten verhindert, dass Zustimmung zur Standardreaktion wird.
2) Zustimmung nicht mit Übereinstimmung verwechseln. Ein schnelles „Passt schon" fühlt sich wie Kooperation an, ist aber oft nur Vermeidung mit freundlichem Gesicht. Übe dich darin, Unstimmigkeit auszusprechen, sobald sie entsteht, statt sie höflich zu übergehen. Wie viel dabei tatsächlich ankommt, hängt eng damit zusammen, wie aufmerksam du deinem Gegenüber vorher zugehört hast, ein Zusammenhang, den ich in meinem Beitrag zum aktiven Zuhören genauer beschrieben habe.
3) Das kurzfristige Unbehagen bewusst aushalten. Konfliktfähigkeit fühlt sich im Moment fast immer unangenehmer an als Vermeidung, das ist kein Zeichen, dass etwas falsch läuft, sondern der eigentliche Trainingsreiz. Wer dieses Unbehagen regelmäßig kurz aushält, statt ihm auszuweichen, baut über Zeit genau die Fähigkeit auf, um die es hier geht. Wie eng diese Selbstregulation mit einem größeren Kompetenzfeld zusammenhängt, beschreibe ich in meinem Artikel zur emotionalen Intelligenz.

Ein Standardwerk, das genau diesen Punkt trifft
Wer die Struktur schwieriger Gespräche systematisch verstehen möchte, findet in Offen gesagt! von Douglas Stone, Bruce Patton und Sheila Heen (Amazon Link) eine der fundiertesten Anleitungen dazu. Das Autorenteam der Harvard Negotiation Project zeigt, warum weder das Herunterschlucken von Problemen noch das offene Austragen als Machtkampf funktioniert, und wie sich schwierige Gespräche stattdessen als gemeinsames Lerngespräch führen lassen, in dem beide Seiten tatsächlich weiterkommen.
Konfliktfähigkeit ist lernbar, Harmoniesucht ist es auch, sich abzugewöhnen
Die gute Nachricht an diesem unbequemen Thema: Konfliktfähigkeit ist keine angeborene Charaktereigenschaft, die manche haben und andere nicht. Sie ist eine trainierbare Fähigkeit, wie jede andere auch, und wie jede Fähigkeit verbessert sie sich vor allem durch Übung in echten, unangenehmen Situationen, nicht durch das Vermeiden ebendieser. Wenn du merkst, dass dir genau dieser Schritt gerade schwerfällt, ist ein Coaching-Gespräch oft der schnellste Weg, um herauszufinden, wo dein eigenes Harmoniebedürfnis dir gerade im Weg steht.



