Kassandra-Syndrom: Warum die Warner im Unternehmen nie gehört werden

Eine Qualitätsleiterin mit vier eingetretenen Warnungen und dem Ruf, das Klima zu vergiften: Der Beitrag zeigt in einem Coaching-Dialog, warum ihr Chef aufgehört hat zuzuhören, was Milliken und Detert über das Schweigen von Beschäftigten und die fünf unausgesprochenen Regeln dahinter herausgefunden haben, welche zwei Fehler Warnerin und Chef gleichzeitig machen und welche vier Verabredungen das Muster auflösen.

Frau sitzt frustriert in einem Meeting mit einem Kollegen, der nicht auf sie eingeht, Sinnbild für das Kassandra-Syndrom, bei dem Warnungen im Unternehmen verhallen

Kassandra, Tochter des Königs von Troja, bekam von Apollon die Gabe, die Zukunft zu sehen. Als sie seine Liebe zurückwies, konnte er die Gabe nicht zurücknehmen. Also fügte er einen Fluch hinzu: Sie würde immer recht haben, und niemand würde ihr glauben. Sie warnte vor dem hölzernen Pferd. Die Trojaner zogen es in die Stadt. Ich erzähle diese Geschichte in fast jeder Teamentwicklung, weil in fast jedem Unternehmen eine Kassandra sitzt. Meist im mittleren Management, meist seit Jahren, meist mit einer Mappe voller Warnungen, die sich alle bewahrheitet haben. Und meist mit dem Ruf, schwierig zu sein.

Ein Gespräch, das ich so ähnlich viele Male geführt habe

Sie war Leiterin der Qualitätssicherung in einem Unternehmen mit 300 Leuten. Der Geschäftsführer hatte mich gebeten, mit ihr zu sprechen, weil sie „das Klima vergifte“. Das Gespräch, gekürzt:

Ich: „Wie oft im letzten Jahr hast du vor etwas gewarnt, das dann eingetreten ist?“ Sie: „Viermal. Ich habe die Mails.“ Ich: „Und wie oft wurde auf die Warnung reagiert, bevor es eingetreten ist?“ Sie: „Null.“ Ich: „Was ist passiert, nachdem es eingetreten war?“ Sie: „Nichts. Beim dritten Mal hat der Geschäftsführer gesagt, ich solle nicht immer so negativ sein.“ Ich: „Wie hast du die vierte Warnung formuliert?“ Sie: „Schärfer. Mit Zahlen. Mit Fristen. In Kopie an den Beirat.“ Ich: „Und wie wurde sie aufgenommen?“ Pause. Sie: „Als Angriff.“ Ich: „Was glaubst du, warum?“ Sie: „Weil ich recht hatte. Wieder.“

Ich habe ihr dann etwas gesagt, das sie nicht hören wollte: Sie hatte in der Sache viermal recht gehabt und in der Form viermal verloren. Und der Geschäftsführer hatte etwas gelernt, was er nie ausgesprochen hätte: Ihre Warnungen kosteten ihn jedes Mal Gesicht, und zwar unabhängig davon, ob er reagierte oder nicht. Reagierte er, gab er ihr recht. Reagierte er nicht, gab ihr die Realität recht. In beiden Fällen stand er schlechter da. Ein Mensch, der so lernt, hört irgendwann auf zuzuhören. Nicht, weil er dumm ist. Weil Zuhören für ihn nur noch Verlieren bedeutet.

Warum Warner nicht gehört werden: die Forschung zum Schweigen

Das Kassandra-Syndrom ist kein psychologischer Fachbegriff, aber das, was es beschreibt, ist gut untersucht, allerdings unter einem anderen Namen: Employee Silence, das Schweigen von Beschäftigten über Probleme, die sie sehen. Frances Milliken, Elizabeth Morrison und Patricia Hewlin haben 2003 in An Exploratory Study of Employee Silence vierzig Beschäftigte ausführlich befragt. 85 Prozent berichteten von mindestens einer Situation, in der sie ein Problem gesehen und bewusst geschwiegen hatten. Die Gründe waren keine Gleichgültigkeit. Die Befragten fürchteten, als Nörgler oder Unruhestifter abgestempelt zu werden, sie fürchteten, Beziehungen zu beschädigen, und sie glaubten, dass Sprechen ohnehin nichts ändern würde. Der letzte Grund war der häufigste. Nicht die Angst vor Strafe brachte sie zum Schweigen, sondern die Erfahrung der Wirkungslosigkeit.

James Detert und Amy Edmondson haben 2011 einen Schritt weiter gemacht und gefragt, welche unausgesprochenen Regeln Menschen im Kopf tragen, die sie schweigen lassen. Ihre Studie Implicit Voice Theories fand fünf solcher Regeln, die fast alle Beschäftigten teilten, unabhängig vom Unternehmen: Bring keine Probleme ohne harte Daten oder fertige Lösung. Blamiere den Chef nicht vor anderen. Überspring nicht die Hierarchie. Wer spricht, riskiert seine Karriere. Und: Wer die Vorschläge des Chefs kritisiert, kritisiert den Chef. Diese Regeln lernt niemand in einem Seminar. Sie werden aus Beobachtung abgeleitet, oft schon in den ersten Wochen, und sie überleben jede Kulturinitiative, weil sie nie ausgesprochen werden. Jede Kassandra hat mindestens drei davon gebrochen. Deshalb wird sie nicht gehört, egal wie recht sie hat.

Dunkle Gewitterwolken ziehen über einer Landstraße auf, Sinnbild für die Warnung, die alle sehen könnten und die niemand hören will

Die zwei Fehler, die Kassandra und ihr Chef gleichzeitig machen

Ich halte nichts davon, in diesem Muster einen Schuldigen zu suchen, denn es sind immer zwei, die es erzeugen. Die Warnerin und der Gewarnte tun beide etwas Falsches, und beide tun es aus nachvollziehbaren Gründen.

Der Fehler der Kassandra: Sie eskaliert die Form, wenn die Sache nicht ankommt. Ihre Warnungen werden schärfer, länger, mit mehr Kopien, mit mehr Zahlen. Das ist logisch, wenn man glaubt, das Problem sei mangelnde Deutlichkeit. Es ist falsch, wenn das Problem der Gesichtsverlust des Empfängers ist, denn dann verstärkt jede Zuspitzung genau das, was das Zuhören verhindert. Wer wissen will, wie man Gesprächspartner öffnet statt schließt, findet in Gesprächsförderer die Werkzeuge. Die meisten Kassandras benutzen keines davon. Sie benutzen Beweise, und Beweise erzeugen Verteidigung.

Der Fehler des Chefs: Er verwechselt die Warnung mit der Warnerin. Er hört nicht „Das Projekt hat ein Risiko“, er hört „Du hast das Projekt falsch aufgesetzt“, und er reagiert auf den zweiten Satz. Danach bewertet er die nächste Warnung nach der Person, nicht nach dem Inhalt. Und weil die Warnerin inzwischen den Ruf hat, negativ zu sein, wird das Zuhören zur Frage der Loyalität: Wer ihr recht gibt, stellt sich gegen den Chef. Das ist die Mechanik, die in meinem Beitrag über sprachliche Manipulation beschrieben ist, nur dass hier niemand manipuliert. Das Etikett „negativ“ tut die Arbeit ganz allein.

Wie Warnungen ankommen, und wie ein Chef sie hörbar macht

Aus dem Gespräch mit der Qualitätsleiterin sind vier Verabredungen entstanden, zwei für sie, zwei für den Geschäftsführer. Sie haben das Muster nicht über Nacht aufgelöst, aber innerhalb eines halben Jahres wurde sie zum ersten Mal vor einer Entscheidung gefragt, statt danach recht zu behalten.

  1. Für die Warnerin: Trenne Risiko und Urteil. „Ich sehe ein Risiko, das ich gern mit dir durchgehen würde“ ist eine andere Botschaft als „Das wird schiefgehen“. Die erste lädt ein, die zweite fordert heraus. Wer recht behalten will, wählt die zweite. Wer gehört werden will, die erste.
  2. Für die Warnerin: Sprich zuerst allein, nie zuerst in Kopie. Eine Warnung im Vieraugengespräch kostet den Empfänger kein Gesicht. Dieselbe Warnung im Verteiler kostet ihn alles. Die meisten Kassandras eskalieren in die Öffentlichkeit, weil sie sich allein nicht gehört fühlen. Das Gegenteil funktioniert: Wer allein gehört wird, muss nicht mehr eskalieren.
  3. Für den Chef: Führe eine Warnungsliste. Jede Warnung wird notiert, mit Datum, und einmal im Quartal wird nachgesehen, welche eingetreten ist. Nicht, um jemandem recht zu geben, sondern um die eigene Trefferquote beim Ignorieren zu kennen. Die meisten Geschäftsführer, die das tun, hören nach dem zweiten Quartal auf, „negativ“ zu sagen.
  4. Für den Chef: Bezahle die Warnung, bevor sie sich bewahrheitet. „Danke, dass du das ansprichst“ vor der Entscheidung, sichtbar für andere, ist die einzige Währung, die das Schweigen der anderen aufhebt. Wer erst nach dem Eintreten anerkennt, bestätigt allen im Raum, dass Warnen sich nicht lohnt, bis es zu spät ist.

Der letzte Punkt ist der, an dem die meisten scheitern, und Amy Edmondson hat dafür das Buch geschrieben, das ich Führungskräften in dieser Lage in die Hand drücke: The Fearless Organization von Amy C. Edmondson (Amazon Affiliate Link). Edmondson zeigt an Fallstudien von Krankenhäusern bis zu Automobilkonzernen, dass Organisationen nicht daran scheitern, dass niemand das Problem gesehen hat. Sie scheitern daran, dass die, die es gesehen haben, geschwiegen haben, und dass die Führung dieses Schweigen unbeabsichtigt erzeugt hat. Das Buch ist auf Englisch, gut lesbar und stellenweise etwas repetitiv. Für Chefs, die eine Kassandra im Team haben und glauben, sie sei das Problem, ist es die notwendige Zumutung. Wer den Kern des Konzepts zuerst auf Deutsch lesen will, findet ihn in Psychologische Sicherheit im Team.

Frau erklärt einem Kollegen ruhig ein Risiko im Gespräch am Tisch, Sinnbild für die Warnung als Angebot zur gemeinsamen Prüfung statt als Angriff

Häufige Fragen zum Kassandra-Syndrom

Was ist das Kassandra-Syndrom?

Die Situation, in der jemand berechtigte Warnungen ausspricht, die sich bewahrheiten, aber nicht gehört oder geglaubt wird. Benannt nach Kassandra aus der griechischen Mythologie, die die Zukunft sah und deren Warnungen niemand ernst nahm. Es ist kein klinischer Begriff, beschreibt aber ein gut erforschtes Muster in Organisationen.

Warum werden Warner im Unternehmen nicht gehört?

Weil Warnungen den Empfänger Gesicht kosten, weil unausgesprochene Regeln gelten wie „Bring keine Probleme ohne Lösung“ oder „Blamiere den Chef nicht“, und weil die Warnerin nach mehreren Treffern als negativ etikettiert wird, sodass ihre Aussagen nach der Person statt nach dem Inhalt bewertet werden.

Was kann man tun, wenn man selbst die Kassandra ist?

Risiko und Urteil trennen, zuerst im Vieraugengespräch sprechen statt im Verteiler, die Warnung als Angebot zur gemeinsamen Prüfung formulieren statt als Prognose des Scheiterns, und aufhören, recht behalten zu wollen. Wer gehört werden will, muss dem anderen die Möglichkeit lassen, die Warnung anzunehmen, ohne zu verlieren.

Wie kann eine Führungskraft Warnungen hörbar machen?

Durch eine dokumentierte Warnungsliste mit späterem Abgleich, durch sichtbare Anerkennung von Warnungen vor der Entscheidung statt danach und durch die bewusste Trennung von Inhalt und Person: Die Warnung wird geprüft, unabhängig davon, wer sie ausspricht und wie oft sie schon recht hatte.

Kassandra-Syndrom: Troja fiel nicht, weil niemand gewarnt hat

Die Qualitätsleiterin arbeitet noch im Unternehmen. Der Geschäftsführer sagt heute, sie sei seine wichtigste Frühwarnung. Sie sagt, sie habe gelernt, dass recht haben und gehört werden zwei verschiedene Fähigkeiten sind und dass sie jahrelang nur die erste trainiert hatte. Ich habe seither in vielen Teams nach der Kassandra gefragt, und fast immer wusste jeder sofort, wer gemeint ist. Das ist der bemerkenswerte Teil: Das Muster ist allen bekannt, und niemand spricht es an, weil auch das Ansprechen eine Warnung wäre, die nicht gehört wird. Wenn in deinem Team jemand sitzt, der ständig recht hat und nie gehört wird, oder wenn du selbst diese Person bist, dann ist meine Teamentwicklung der Ort, an dem wir die unausgesprochenen Regeln aussprechen, die das Schweigen erzeugen, und die Verabredungen treffen, die es aufheben. Das Ergebnis ist selten ein harmonischeres Team. Es ist ein Team, in dem Warnungen wieder Informationen sind und keine Angriffe, und in dem der Chef sie hören kann, ohne dabei zu verlieren. Troja fiel nicht, weil niemand gewarnt hat. Es fiel, weil die Warnung und die Warnerin nicht mehr zu trennen waren. Das ist der Fluch. Und im Unterschied zu dem Apollons lässt er sich aufheben.